2.Teil. Eine makabere Art und Weise das Gewissen zu erforschen und Sterbende zu begleiten? Laurentius Scupolis Schrift zeigt wie es früher war. Manchen erscheint es zu grausam...




"Ich war krank und ihr habt mich besucht" 
Matthäus 25,36


FORTSETZUNG 

6. Von der Weise den Sterbenden der zweiten Art beizustehen.

Werden wir gerufen um einen Kranken dieser zweiten Art beizustehen und wir kennen den Kranken nicht, so sollen wir, ehe wir in sein Zimmer eintreten, die Hausgenossen über dessen Sitten, Eigenschaften und Lebensweise auf gehörige Art befragen; denn durch diese Kenntnis wird uns der Weg eröffnet um ihm beizustehen und ihn zur Tugend heranzuziehen. ...[mehr]. 

Nachdem wir in das Zimmer eingetreten sind und gesprochen haben: "Frieden sei diesem Hause", sollen wir den Kranken über sein Befinden und die Art seiner Krankheit befragen, wobei wir ihm sowohl durch Worte als durch unser ganzes Benehmen Zeichen der Liebe, des Mitleidend und des Wohlwollens geben sollen.

Darnach mögen wir eine kurze Weile wie in Gedanken vertieft innehalten und sodann die Ermahnung, die ihn zur Erwägung der himmlischen Dinge hinlenken soll, mit folgendem Aussprache der heiligen Schrift beginnen: "Viele Mühseligkeit ist allen Menschen an erschaffen. Ein schweres Joch liegt auf den Kindern Adams vom Tage an, da sie aus dem Mutterleibe kommen, bis auf dem Tag, da Sie die Erde, die unser aller Mutter ist, begraben werden".

Wir fahren fort, indem wir ihn freundlich anreden: "Diese Worte, N.,geben uns das wahre und natürliche Bild des elenden Menschenlebens; die Erfahrung aller menschen bestätigt dessen Wahrheit. Was aber noch mehr ist, dieses Bild hat der heilige Geist entworfen, der nicht irren und nicht täuschen kann. Schauen wir daher alle auf das selbe, und zwar recht oft, denn wir ziehen daraus wunderbare Früchte, nämlich die Betrachtung dieses unseres sterblichen Lebens und das Verlangen nach dem himmlischen, das nie abnimmt, und in dem kein Schatten von irgendeinem Elend ist.

Wenn dieses Leben "so viele" Mühseligkeiten hat, wenn das Joch dieses Lebens so "schwer" ist, dass es nicht bloß auf einigen, sondern auf "allen" Menschen lastet und nicht bloß eine Zeitlang, sondern von ihrer Geburt an bis auf den Tag, da sie in die Erde, die unser aller Mutter ist, begraben werden: scheint es dir nicht, lieber N., als könne man denjenigen glücklich nennen, der sich dem Tode oder besser gesagt dem anderen Leben nähert? Denn dieser hat größere Versicherung, dass er bald die Mühseligkeiten des gegenwärtigen Lebens, welche gewöhnlich die Krankheiten sind, verlässt.
Deshalb dürfen wir die Sterbenden glücklich nennen, wie der Weise auch sagt; "Besser ist der Sterbetag, als der Tag der Geburt".



7. Von einem anderen Bilde des elenden Menschenlebens.

An einer anderen Stelle hält uns die heilige Schrift das Bild des elenden Menschenlebens vor Augen, indem sie sagt: "Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und wird mit viel Elend erfüllt."
O elendes und abermals elendes Leben des Menschen! Wenn du mit Elend erfüllt bist, wo bleibt noch für eine wahre und nicht trügerische Freude Raum? O unglückliches Leben, nicht nur von einer Art Elend, bist du voll, sondern von vielen verschiedenen Arten, von denen eine schlimmer ist als die andere.

Hört ein Elend auf, so folgt ein anderes oder mehrere zugleich.
An dieses Elend dachte jener große Philosoph, der, sooft er einen Menschen sah, bitterlich weinte; dem es schien ihm, als sehe er nur ein zwar schönes, aber mit tausenderlei Elend angefülltes und unzähligen Unfällen ausgesetztes Gefäß. Auf dieses Elend blickte jenes Volk, dass bei der Geburt eines Menschen weinte und beim Tode sich freute.

Der Anblick dieses doppelten Bildes ist zwar traurig; wer aber eine richtige Erkenntnis hat, dem ist süß, was darauf folgt: "Er lebt furze Zeit, wie eine Blume kommt er hervor, wird zertreten und flieht wie ein Schatten". Das hat unser Leben Gutes, dass er kurz und flüchtig ist, denn wenn der gläubige Mensch erwägt, dass er in kurzer Zeit aus diesem Elende in die Seligkeit des Himmels übergehen soll, so ist es unmöglich, dass er sich nicht freue und das Elend als Strafe der Sünde nicht mit Geduld leide um dem Herrn zu gefallen. Die Betrachtung der Kürze unseres Lebens ist so angenehm, dass selbst Ungläubigen der Tod, wenn auch nicht nach richtiger Anschauung, süß vorkam, und zwar so, dass viele sich selbst töteten. Valeries Maximus erzählt, ein Philosoph habe das Elend dieses Lebens so lebendig dargestellt und beschrieben, dass vielen das Verlangen kam, sich selbst dem Tod zu geben, weshalb der König Ptolomäus ihm verbot fernerhin von diesem Gegenstande zu reden. Das waren aber Heiden, die sich töten wollten um dem Elende dieses Lebens zu entgehen. 

Und wir, die wir durch Gottes Gnade Christen sind und an das andere, nicht mit Elend, sondern mit mit Gütern angefüllte Leben glauben und eine Seligkeit hoffen, deren Größe kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, wir sollten so unverständig, so vertieft sein im Schlamme der blinden Leidenschaften und Laster, dass wir nicht gerne, wenn Gott es will, den glücklichen Übergang aus diesem Elende zu der nie endenden Glückseligkeit machen sollten?
Sollen wir nicht mit Danksagung die Stimme unseres göttlichen Hirten anhören, der uns aus dieser Erde voll reißendere Wölfe hinüber ruft in seinen Schafstall?



8. Von dem dritten Bilde des elenden Menschenlebens.

Werfen wir nun ein Blick auf dieses dritte Bild des menschlichen Elendes; hier finden wir den Ursprung allen Elendes. "Und zu dem Weibe sprach er: Ich will vervielfältigen die Beschwerden deiner Schwangerschaften, in Schmerzen sollst du Kinder gebären und unter der Gewalt des Mannes sein und er wird über dich herrschen". Zu Adam aber sprach er: "Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört hast* und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten habe, dass du nicht davon isst, so sei die Erde verflucht in deinem Werke, mit vieler Arbeit sollst du essen von ihr alle Tage deines Lebens. Dörner und Disteln soll sie dir tragen und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde wiederkehrst, von der du genommen bist, denn du bist Staub und sollst zum Staube wiederkehren."

Keiner soll glauben, dass dieses Bild bloß das Leben der Armen darstellt, denn es ist allgemein und betrifft alle, die Armen und die Reichen, die Adeligen und die Unadligen, die Ersten und Könige, die Kaiser und Päpste. Vielmehr haben Reiche und Hochangestellte größere Plagen und Bedrängnisse in ihrem Geist als die Armen im Leib und Geist zugleich.

Solange die Seele in diesem sterblichen Leib verweilt, hat sie Qualen zu erdulden, sie mag wollen oder nicht.

Es gibt keine Kraft, keine Kunst des Menschen, welches das Elend zu verhindern vermag. Nur der Tod kann, wenn er bereitwillig aus Gottes Hand angenommen wird, uns aus jedem Elende befreien.
Diejenigen aber, welche sagen, dass sie dieses Leben köstlich finden und es deshalb nicht gerne verlassen mögen, sind in dem selben Falle wie die Kranken, die, weil ihr Gaumen verdorben ist, das Süße für Bitter und das Bittere für süß halten.
Man soll ihnen daher um sie fähig zu machen die Wahrheit anzunehmen sagen.

Erstens, wenn ihre Erkenntnis nicht durch die Gewohnheit des Bösen verfinstert und so vielen Leidenschaften unterworfen wäre, wenn sie Verstand hätten und den augenblicklichen Genuss, den sie haben, mit den Mühen und Sorgen, die sie sich machen um denselben zuweilen zu erhalten, verglichen, so würden sie ganz anders sprechen. 
Möchten sie nur die von Gott erleuchteten Seelen hören, welche die gegenwärtigen Dinge so sehr hassten und nach den ewigen Dingen des andern Lebens seufzten. Weshalb wünschte der heilige Paulus aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein? Weil sie wohl erkannten, wie wenig das gegenwärtige Leben geschätzt und im Gegenteil, wie sehr es verachtet und gehasst zu werden verdient, wegen des Elendes, womit es angefüllt ist. Wer das Gegenteil glaubt, ist im Widerspruch mit allen Weltweisen und gelehrten Schriftstellern, welche da einmütig erklären und beweisen, dass das menschliche Leben voller Trübsal und Elend ist.

Zweitens, hören wir die Reden der Menschen, sowohl der Armen als der Reichen, so finden wir dass alle anerkennen und behaupten, das gegenwärtige Leben sei elend und unglücklich.

Drittens, sind dagegen einige so verblendet und stolz, dass sie der Meinung der anderen Menschen keinen Glauben schenken, so müssen sie sich doch dem heiligen Geiste unterwerfen, welcher sagt, dass das Leben des Menschen voll Elend ist.

Mir aber scheint es unmöglich, dass das Leben dennoch köstlich sein könne, wenn es voll Elend ist.

Viertens, ich frage diejenigen, nach deren blindem Sinne das Leben des Menschen stets köstlich ist, ob ihnen nicht etwa in ihrem besonderen Leben, dass sie so köstlich zu finden vorgeben, irgend etwas Bitteres vorgefallen ist.

Wenn sie es bejahen müssen, wie können sie sagen, dass das Leben köstlich ist?

Denn das Bittere das auf das Süße folgt, hat die Eigenschaft, dass es alles verbittert und das menschliche Herz ist so beschaffen, dass die vergangene Süßigkeit ihm nicht bloß nicht mehr schmeckt, sondern selbst ihr Andenken ihm noch bitter vorkommt. 

Was fruchtet es dem Gaste, der bei einem Mahle von zwei oder mehreren Gerichten gekostet hat, wenn die letzten Gerichte ihm das Herz verbittert und vergiftet?

Geben wir auch noch zu, dass das Leben nicht ganz bitter sei, so ist es doch kurz und endet halb. 
Wäre es aber auch hundertmal länger, so frage ich mich welches Leben ist länger, das gegenwärtige Leben oder das Leben des Himmels, welsches ewig ist? Welches ist höher zu schätzen und besser?

Hier genießt man der Geschöpfe, dort genießt man stattdessen den Schöpfer in vollstem und unaussprechlichem Genosse; hier geht man mit eigennützigen, verderbten und ungläubigen Menschen um, im Himmel stattdessen hat man die Gesellschaft unzähliger heiliger Seelen und der *Engel (englischer Geister), von denen einer den anderen liebt nicht weniger wie sich selbst. Dort sieht man die unerschaffene Schönheit Gottes. 

Wie sollte also der Mensch sich zu sterben weigern, wenn Gott ihn in das andere Leben ruft, da er in einen unvergleichlich besseren und glücklicheren Zustand übergeht? Wie wird man aber demjenigen gesunden Verstand beimessen können, der zwar nach etwas verlangt, nämlich nach dem Glücke, aber sich beklagt, wenn man ihm das Bessere anbietet und es nicht annimmt, da er es ohne kosten als erlangen kann? Was kommt dem Menschen schwerer an: das gegenwärtige Leben gegen seinen Willen zu verlassen oder es bereitwillig zu verlassen? Das Leben lassen um zum ewigen Tod eilen oder dasselbe lassen und in das wahre, selige und ewige Leben eingehen?


*1: "Zu Adam aber sprach er. Weil du Gehör gegeben der Stimme deines Weibes und von dem Baume gegessen, von dem ich dir geboten, dass du nicht davon essest, so sei die Erde verflucht in deinem Werke..." Frei übersetzt mit: "Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört hast* und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten habe, dass du nicht davon isst, so sei die Erde verflucht in deinem Werke..." 

*2: "englischer Geister" Frei übersetzt mit: "Engel"

Es folgt in Kürze der 3. Teil, Kapitel 9
"Von der Weise die Kranken zu trösten und auf den Tod vorzubereiten".
Anhang des Buches (6. Auflage 1916) von Laurentius Scupoli "Der geistliche Kampf".

9. Wie wir denjenigen beistehen sollen, welche versucht werden nicht gerne zu sterben, weil sie noch zu jung sind.

...

1.Teil verpasst? 1. Teil finden Sie hier.























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